Im Beratungsgespräch sagt mir mein Mandant irgendwann: „….Also in Polen ist das alles ganz anders: Wenn Mieter nicht zahlt, Urteil und noch am selben Tag – RAUS; notfalls mit Polizei.“ Keine Ahnung, ob das so stimmt, aber er sieht mich vorwurfsvoll an, als hätte ich`s verbockt, dass dies die deutsche Rechtsordnung nicht vorsieht. Ich habe Gewissensbisse und fühle mich schuldig, weil wir nicht in Polen sitzen.
Drum prüfe also, wer sich ewig bindet. Ein Satz wie aus dem Poesiealbum, aber im Mietrecht eher eine akute Warnmeldung. Eine, die man wegen ihrer Realitätsnähe eigentlich rot blinkend über jedem Wohnungsinserat montieren müsste. Denn wer heute vermietet, geht nicht einfach ein Vertragsverhältnis ein. Er geht ein Wagnis ein. Ein wirtschaftliches, ein nervliches, manchmal auch ein existenzielles. Und nein, das ist keine Übertreibung aus der Stammtischkiste der Besitzenden, sondern die nüchterne Bilanz vieler Jahre mietrechtlicher Realität.
Du hast Eigentum. Verfassungsrechtlich geschützt, mit großem Tamtam, Artikel soundso, Freiheit, Verantwortung, bla bla. Und dann übergibst Du dieses Eigentum einem fremden Menschen, oder gleich mehreren. Nicht stundenweise wie ein Carsharing-Auto, nicht tageweise wie eine Ferienwohnung, sondern auf unbestimmte Zeit. Du gibst ihm die Schlüssel, die tatsächliche Sachherrschaft, die Möglichkeit, aus Deiner Wohnung sein Zuhause zu machen. Und in dem Moment, in dem Du das tust, verschiebt sich etwas. Die Achse der Macht. Die Gewichte der Interessen. Die Sympathien des Systems.
Plötzlich bist Du nicht mehr der Eigentümer, sondern der Vermieter. Und der Vermieter ist im deutschen Rechtsgefühl ungefähr so beliebt wie ein Strafzettel oder ein kalter Radiator im Januar. Der Mieter hingegen ist schutzbedürftig, verletzlich, potentiell ausgeliefert. So zumindest die Erzählung. Eine Erzählung, die sich tief in Rechtsprechung, Gesetzgebung und juristische Alltagsroutine eingebrannt hat.
Natürlich weiß ich, woher das kommt. Historisch, sozialpolitisch, aus Zeiten, in denen Wohnraum knapp war und Vermieter sich aufführten wie kleine Feudalherren. Das alles ist nicht aus der Luft gegriffen. Aber Geschichte ist kein Freibrief für Gegenwartsblindheit. Und genau da beginnt das Problem.
Denn die Realität vieler Vermieter sieht heute nicht nach Zigarre im Ledersessel aus. Sie sieht nach Kreditvertrag aus. Nach Anschlussfinanzierung. Nach Rücklagen, die eigentlich fürs Alter gedacht waren. Nach einer einzigen Wohnung, vielleicht zwei, oft selbst erarbeitet, manchmal geerbt, fast nie ein Großkonzern. Und diese Menschen tragen ein Risiko, das im mietrechtlichen Diskurs erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Du riskierst Deine Liquidität. Monat für Monat. Du kalkulierst mit Mieteinnahmen, die Deine Bank auch fest einkalkuliert hat. Und dann zahlt der Mieter nicht. Erst einmal ein Monat. Dann zwei. Dann drei. Du mahnst. Du schreibst. Du rufst an. Du versuchst, vernünftig zu bleiben. Und irgendwann gehst Du zum Anwalt. Ab da läuft die Uhr nicht schneller, sondern langsamer.
Kündigung. Klage. Termin. Vertagung. Vergleichsvorschlag. Noch ein Termin. Und irgendwo dazwischen sitzt Du und rechnest. Rechnest Dir aus, wie lange Du das noch tragen kannst. Wie viele Monate Du noch überbrücken kannst, ohne selbst ins Schlingern zu geraten. Während Dein Mieter weiterhin wohnt, heizt, duscht, die Wohnung nutzt. Und Du zahlst. Für alles.
Das System sagt: Geduld. Rechtsstaat. Ordnungsgemäßer Ablauf. Alles richtig. Nur fühlt es sich irgendwann nicht mehr nach Rechtsstaat an, sondern nach Hohn. Wenn Du weißt, dass selbst ein obsiegendes Urteil Dir keinen Euro bringt, weil beim Mieter nichts zu holen ist. Wenn Du weißt, dass die Prozesskosten, die Du gerade ansammelst, höher sein werden als jede realistische Aussicht auf Rückfluss. Wenn Du weißt, dass selbst die Räumung noch Monate, manchmal Jahre dauern kann.
Und dann kommt der Tag der Zwangsräumung. Der Tag, auf den Du so lange warten musstest, dass Du ihn innerlich schon abgeschrieben hattest. Also betrittst Du nach verrichteter Arbeit des Entrümpelungsdienstes Deine Wohnung. Deine Immobilie. Und erkennst sie nicht wieder. Abgerissene Türen. Verschimmelte Wände. Ein Bad, das aussieht wie ein gescheitertes Sozialexperiment. Und in Dir breitet sich diese Mischung aus Wut, Ohnmacht und bitterem Gelächter aus. Weil Du weißt: Auch das ist jetzt Dein Problem.
Natürlich gibt es Schadensersatzansprüche. Natürlich gibt es theoretische Möglichkeiten. Praktisch aber stehst Du vor einem Trümmerhaufen und einem Schuldner ohne jegliches Pfändungspotential, weder jetzt noch sonst irgendwann. Willkommen im echten Leben.
Warum also dieses Gefühl, dass Mieter bevorzugt werden? Weil das Recht nicht nur aus Normen besteht, sondern aus Haltung. Und diese Haltung ist seit Jahrzehnten mieterfreundlich sozialisiert. Kündigungsschutz, Räumungsschutz, Vollstreckungsschutz. Alles mit guten Gründen, alles mit sozialem Anspruch, so weit so gut. Aber die Kehrseite dieser Medaille wird selten betrachtet und viel zu selten thematisiert.
Man stelle sich einmal vor: Der Vermieter ist im System derjenige, der vorsorgen soll. Der Risiken einkalkulieren soll. Der Rücklagen bilden soll. Der Verluste tragen soll. Der am Ende bitteschön auch noch Verständnis aufbringen soll für die Lebensumstände seines Mieters. Menschlich ehrenwert, wirtschaftlich manchmal ruinös.
Und dann kommt der erhobene Zeigefinger: Hättest Du besser prüfen müssen. Mieterauswahl. Bonitätsprüfung. Schufa. Referenzen. Als ob all das eine Glaskugel wäre. Als ob Menschen nicht lügen könnten, sich verändern könnten, abrutschen könnten. Als ob jede Zahlungsunfähigkeit ein Charakterfehler wäre, den man vorher hätte erkennen müssen.
Diese Erwartungshaltung ist bequem. Sie verschiebt Verantwortung. Sie sagt: Wenn es schiefgeht, bist Du selbst schuld. Und der Staat schaut zu. Oder schlimmer: Er verschärft weiter. Mietendeckel hier, Mietpreisbremse dort, neue Hürden, neue Pflichten. Immer in dem guten Glauben, das Richtige zu tun. Immer mit dem gleichen Effekt: Noch mehr Risiko auf Seiten derer, die Wohnraum bereitstellen.
Und dann wundert man sich, dass private Vermieter keine Lust mehr haben und dass Wohnungen leer stehen. Dass nur noch befristet, möbliert, auf Zeit vermietet wird. Dass sich der Markt verknappt. Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen.
Nein, ich behaupte nicht, dass Mieter generell bevorzugt werden müssen, um geschützt zu sein. Aber ich behaupte, dass das Pendel längst zu weit ausgeschlagen ist. Dass wir uns in einer Schieflage eingerichtet haben, die wir nicht mehr hinterfragen. Dass wir Vermieter moralisch entwerten, um sozialpolitische Narrative zu bedienen.
Vielleicht stimmt es also gar nicht, dass Mieter rechtlich bevorzugt werden. Vielleicht stimmt nur, dass Vermieter systematisch als leistungsfähiger, belastbarer, ausgleichspflichtiger Teil betrachtet werden. Als Puffer. Als Stoßdämpfer. Als stiller Garant dafür, dass soziale Härten irgendwo abgefedert werden. Nur eben nicht vom Staat, sondern von Einzelnen.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Nicht, weil Vermieten unmoralisch wäre. Sondern weil es in diesem Land inzwischen ein Akt erstaunlicher Naivität ist zu glauben, Eigentum bedeute Kontrolle. Es bedeutet Verantwortung. Und Risiko. Und oft genug: Alleinsein mit den Folgen.
Vielleicht ist es an der Zeit, das offen auszusprechen, ohne Neidreflexe, ohne Klassenkampfparolen. Sondern mit einem nüchternen Blick auf das, was Vermieten heute tatsächlich heißt. Nicht im Gesetzbuch. Sondern im echten Leben.

