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Der „Bau-Turbo“ im Jahresrückblick: Schwierigkeiten mit der Zündung, oder wie?

Der „Bau-Turbo“. Dieses Wort hat mich von Anfang an misstrauisch gemacht. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Geschwindigkeit hätte, sondern weil politische Turbos erfahrungsgemäß eine sehr spezielle Eigenschaft besitzen: Sie klingen laut, sie sehen gut aus, und sie verpuffen zuverlässig, sobald man sie vom Podium in die Realität überführen möchte. Beim Bau-Turbo war das nicht anders. Im Gegenteil: Er ist inzwischen so etwas wie das Lehrstück dafür geworden, wie man mit einem großen Versprechen ein noch größeres Vakuum produziert.

Ich erinnere mich sehr genau an die Aufbruchsstimmung. Endlich sollte der Knoten platzen, endlich sollte gebaut werden, endlich sollte das jahrelange Wegmoderieren des Wohnraummangels ein Ende haben. Vertreter der Bundesregierung erklärten mit ernster Miene, man habe verstanden. Die Lage sei dramatisch, die Bauwirtschaft stecke fest, die Menschen fänden keine Wohnungen mehr, also müsse jetzt Tempo rein. Turbo eben. Kein Kleinwagen, kein sanftes Anrollen, sondern Vollgas. Wer wollte da widersprechen? Wer wollte sich hinstellen und sagen: Vorsicht, das wird wahrscheinlich wieder nur ein Etikett?

Heute, mit etwas Abstand, lässt sich sagen: Genau das ist es geworden. Ein Etikett. Ein gut gemeinter, kommunikativ clever verpackter Versuch, Entschlossenheit zu simulieren, ohne sich wirklich schmutzig zu machen. Denn echter Turbo hätte wehgetan. Echter Turbo hätte Konflikte erzeugt. Echter Turbo hätte bedeutet, Dinge zu ändern, die man in Deutschland lieber für sakrosankt erklärt. Stattdessen bekam man ein Maßnahmenbündel, das vor allem eines war: anschlussfähig an bestehende Routinen. Und genau da liegt das Problem.

Der Bau-Turbo wurde nie als radikaler Eingriff gedacht, sondern als Beschleunigung innerhalb eines Systems, das auf Verlangsamung ausgelegt ist. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, einen Supertanker mit einem Außenbordmotor wendiger zu machen. Man kann viel Gas geben, der Effekt bleibt überschaubar. Die Strukturen, die den Wohnungsbau lähmen, sind tief eingegraben. Sie bestehen aus Zuständigkeitswirrwarr, aus föderaler Eifersucht, aus kommunaler Kleinteiligkeit, aus einer Regulierungsdichte, die jedes Projekt zu einem juristischen Abenteuer macht. Wer glaubt, man könne das mit ein paar politischen Willensbekundungen aufbrechen, unterschätzt die Beharrungskräfte dieses Landes.

Besonders entlarvend war dabei die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Umsetzung. Auf Bundesebene wurde beschleunigt, vereinfacht, digitalisiert – zumindest sprachlich. Vor Ort hingegen änderte sich erschreckend wenig. Bauämter arbeiteten weiter am Anschlag, Genehmigungen dauerten Monate, manchmal Jahre, und jede noch so kleine Abweichung vom Bebauungsplan löste Diskussionen aus, die mit Turbo ungefähr so viel zu tun hatten wie ein Sonntagsausflug mit der Formel 1. Der Bau-Turbo kam unten schlicht nicht an.

Und dann diese fast rührende Fixierung auf Verfahren. Beschleunigte Genehmigungen, vereinfachte Prozesse, digitale Anträge. Alles wichtig, alles sinnvoll, alles aber nur ein Teil des Problems. Denn das eigentliche Hindernis liegt nicht im Ablauf, sondern im Anspruch. Wir verlangen von jedem Neubau, dass er alles gleichzeitig erfüllt: maximal energieeffizient, sozial durchmischt, barrierefrei, klimagerecht, lärmschutzoptimiert, nachverdichtet, aber bitte ohne Verschattung, ohne Verkehr, ohne Veränderung des Quartierscharakters. Wer das alles will, darf sich nicht wundern, wenn am Ende niemand mehr baut.

Der Bau-Turbo hat dieses Dilemma nicht aufgelöst, sondern elegant umschifft. Man sprach von Tempo, aber nicht von Verzicht. Man sprach von Wohnraumschaffung, aber nicht von Zielkonflikten. Man sprach von Vereinfachung, ohne zu sagen, was konkret einfacher werden soll und was dafür geopfert wird. Das Ergebnis war ein politisches Programm, das niemanden wirklich verärgerte – und genau deshalb auch niemanden wirklich bewegte.

Hinzu kam eine fast schon tragikomische Ignoranz gegenüber der wirtschaftlichen Realität. Während der Turbo rhetorisch hochdrehte, zogen die Zinsen an, explodierten Baukosten, verteuerten sich Materialien, Fachkräfte wurden knapper. Die Reaktion darauf bestand aus Förderprogrammen, die so komplex konstruiert waren, dass man sie eher studieren als nutzen musste. Befristet, gedeckelt, mit ständig wechselnden Bedingungen versehen, erzeugten sie vor allem eines: Unsicherheit. Wer ernsthaft investiert, braucht verlässliche Rahmenbedingungen über Jahre hinweg, keine politischen Überraschungspakete im Quartalsrhythmus.

Ich habe in der Zeit seit dem Aufkommen der ersten Idee eines „Bau-Turbos“ in der Wohnungspolitik viele Gespräche geführt. Mit Projektentwicklern, mit Wohnungsunternehmen, mit Kommunen. Anfangs hörte man noch Hoffnung. Dann Skepsis. Schließlich Resignation. Der Bau-Turbo wurde zur Fußnote in Präsentationen, zum ironischen Seitenhieb in Gesprächen, zum Running Gag auf Podien. „Turbo“, sagte man, „ja, auf dem Papier.“ Das ist kein gutes Zeugnis für ein politisches Leitprojekt.

Besonders irritierend fand ich dabei die zunehmende Realitätsverweigerung in der öffentlichen Debatte. Während die Zahlen zu Baugenehmigungen und Fertigstellungen nach unten gingen, hielt man unbeirrt am Narrativ fest, man sei auf dem richtigen Weg. Kritik wurde gern mit dem Hinweis auf äußere Umstände abgewehrt: Pandemie, Krieg, Lieferketten, Inflation. Alles korrekt. Aber genau dafür hätte der Turbo ja da sein sollen. Ein Programm, das nur unter Idealbedingungen funktioniert, ist kein Lösungsansatz, sondern ein Wunschzettel.

Was ebenfalls auffiel, war die erstaunliche Schonung kommunaler Befindlichkeiten. Jeder weiß, dass Wohnungsbau vor Ort entschieden wird. Jeder weiß, dass genau dort die größten Blockaden entstehen. Und dennoch blieb der Bau-Turbo auffällig zurückhaltend, wenn es darum ging, Kommunen stärker in die Pflicht zu nehmen. Man wollte motivieren, nicht verpflichten. Man wollte Anreize setzen, keine Vorgaben machen. Das ist politisch bequem, aber sachlich wirkungslos. Wer bauen will, muss auch bereit sein, lokale Widerstände auszuhalten.

Der Bau-Turbo hätte eine Chance gehabt, wenn man ihn als Zumutung verstanden hätte. Als Zumutung an all jene, die von Wohnungsbau profitieren wollen, ohne Veränderung zu akzeptieren. Als Zumutung an eine Gesellschaft, die günstigen Wohnraum fordert, aber höhere Dichte ablehnt. Als Zumutung an eine Verwaltung, die sich zu lange hinter Verfahren versteckt hat. Diese Zumutung blieb aus. Stattdessen bekam man einen Turbo mit angezogener Handbremse.

Und dann, fast unmerklich, verschwand der Begriff wieder. Keine große Abrechnung, kein Eingeständnis des Scheiterns, kein offenes „Wir haben uns das einfacher vorgestellt“. Der Bau-Turbo wurde leise entsorgt, ersetzt durch neue Formeln, neue Programme, neue Ankündigungen. Politik liebt den Neustart, besonders dann, wenn der letzte Start im Sand verlaufen ist. Für die Betroffenen ändert das wenig. Für Wohnungssuchende ist es egal, wie das Programm heißt, solange keine Wohnungen entstehen.

Was mich an diesem Rückblick am meisten ärgert, ist nicht das Scheitern an sich. Scheitern gehört zur Politik, gerade bei komplexen Themen. Was mich ärgert, ist die Lernresistenz. Die Weigerung, offen zu benennen, warum etwas nicht funktioniert hat. Die Angst, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Der Bau-Turbo hätte eine ehrliche Debatte über Standards, Prioritäten und Zumutungen auslösen können. Stattdessen wurde er zu einer Episode, die man lieber schnell vergisst.

Dabei ist der nach wie vor herrschende Wohnraummangel kein abstraktes Problem. Er ist konkret, spürbar, sozial brisant. Er entscheidet über Lebensläufe, über Familienplanung, über soziale Durchmischung. Jede politische Initiative, die daran scheitert, hinterlässt nicht nur Frust, sondern reale Schäden. Vertrauen geht verloren. Vertrauen in politische Handlungsfähigkeit, Vertrauen in Versprechen, Vertrauen in die Idee, dass Probleme lösbar sind.

Vielleicht ist das das eigentliche Vermächtnis des Bau-Turbos: Er zeigt, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit geworden ist. Wie schwer es fällt, in einem hochregulierten, föderalen System echte Prioritäten zu setzen. Und wie schnell große Worte ihre Wirkung verlieren, wenn ihnen keine spürbaren Veränderungen folgen.

Was vom Tage übrig blieb, ist daher mehr als nur ein gescheitertes Programm. Es ist ein Symbol. Für politische Kommunikation, die schneller ist als ihre Umsetzung. Für den Glauben, man könne strukturelle Probleme mit sprachlicher Beschleunigung lösen. Und für die unbequeme Erkenntnis, dass echter Fortschritt im Wohnungsbau weniger mit Turbo zu tun hat als mit Ausdauer, Konfliktbereitschaft und der Fähigkeit, Nein zu sagen – auch zu lieb gewonnenen Gewissheiten.

Ich werde mir die nächsten Bau-Turbo-Geistesblitze wieder anhören, da bin ich sicher. Mit professioneller Neugier, mit juristischer Distanz, mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Und ich werde wieder genau hinschauen, ob dann mehr passiert als dieses Mal. Die Erfahrung lehrt: Worte sind schnell, Beton ist langsam. Und meistens gewinnt der Beton.